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Die Jahrhundertflut

by Admin1927

Lüchow-Danneberg – So ein Hochwasser hat es seit über 500 Jahren nicht mehr gegeben! Tschechiens und Deutschlands Elbregionen halten den Atem an – die Welle der Hilfsbereitschaft reisst glücklicherweise nicht ab. So stellt auch die Feuerwehr Hamburg ihre Einsatzkräfte, um den Flutopfern in den Katastrophengebieten zu helfen.

Am 21. August erhält dann schliesslich auch die FF Sülldorf-Iserbrook den Marschbefehl in eines der Katastrophengebiete für die folgenden zwei Tage. Für gute 24 Stunden hat die Wehr die Aufgabe 3 Deichabschnitte im Landkreis Lüchow-Dannenberg, rund um den Ort Gartow, zu überwachen und mögliche Gefahren abzuwenden.

Es ist 4 Uhr morgens, als der „Pieper“ die Wehrmitglieder in die Samtgemeinde Gartow (Niedersachsen) ruft. Eine lange Einsatzfahrt beginnt – die Reisetasche, gepackt mit den wichtigsten Utensilien an Bord. 7 Uhr: eine Stunde trennt uns noch vom Zielort und trotzdem stehen links und rechts neben der Fahrbahn schon die Felder unter Wasser – wo geht die Fahrt nur hin? Um ca. 8 Uhr erreichen wir unser Zielort, die „Samtgemeinde Gartow“.

Die „Einsatzleitung“ im Rathaus des Ortes gibt uns weitere Instruktionen über den Verlauf der nächsten 24 Stunden. Noch nicht einmal 5 Minuten stehen wir in diesem Ort, als uns die ersten Versorgungskräfte schon Lunchpakete anbieten … der Hunger ist schon ziemlich groß geworden. Ein vorbei laufender Bürger beklagt sich darüber, dass sein kleines Dorf absolut keine Unterstützung durch Hilfskräfte bekommt. Wir stehen hier noch eine Weile und uns fällt langsam auf, dass dieses Dorf von vielen Bewohnern scheinbar schon verlassen wurde. Ein Dorf, in welchem sonst der Tourismus boomt. Aber hier kreuzen nur die Einsatzkräfte vom THW und der Bundeswehr die Strassen.

Endlich gehts weiter – in unser Quartier nach Schnackenburg! Unterwegs setzen wir noch 4 Leute zur ersten Deichwacht ab. Das Dorf gleicht einer Geisterstadt. KeineMenschenseele auf der Strasse, Fensterrolläden sind heruntergefahren, teilweise sind die Türen mit ein paar Sandsäcken „abgedichtet“. Wir sind in Schnackenburg. Das Quartier ist nicht wie erwartet eine Turnhalle, oder ein Großzelt, sondern das „Deutschpolitische Ausbildungszentrum“ mit schönen Doppelzimmern. Dann geht es weiter in eines unserer Aufsichtsgebiete, der Deich an der „Seege“. Besonders qualvoll in diesem Gebiet, sind die tropische Luftfeuchtigkeit und die unzähligen Mückenmassen. Glücklicherweise ist dieser Bereich nicht mehr so stark gefährdet, sodass er nur in großzügigen Abständen beaufsichtigt werden muss.

Kurze Lagebesprechung und Berichterstattung im Rathaus Gartows, während andere sich noch einmal auf dem Deich entspannen. Doch schon nach kurzer Zeit werden wir durch freiwillige Helfer dringend zur Unterstützung nach Pevelsdorf gebeten und die Einsatzleitung bietet unsere Hilfe für kurze Zeit an (denn eigentlich haben wir bereits unseren Auftrag). Noch einmal ein Blick über den Deich: In weiten Teilen der Elbe und Nebenflüsse steht das Wasser 7 Meter über dem normalen Wasserstand. Der Pegel sinkt jedoch nur langsam, der Deich saugt sich voll, Unterspülung droht und damit die Gefahr des Deichbruchs durch den ständigen Wasserdruck.

Aber nun auf zu unserem neuen Einsatz – auf der Anfahrt wissen wir nur, dass ein kleines Wäldchen beseitigt werden muss. Die Mittagssonne mit ihren guten 35°C erschwert uns die Arbeit erheblich. Anliegende Bauern unterstützen uns bei diesem Auftrag und ziehen die großen Bäume mit Treckern vom Feld. Nach knapp 2 Stunden sind ca. 140 Bäume gefallen. Inzwischen wissen wir auch, dass diese freigelegte Fläche eine Sandstelle für Sandsäcke bieten soll.

Inzwischen ist die Bundeswehr angerückt. Mit dem Bergepanzer sollen sie die Sandstelle von Baumstümpfen und -wurzeln endgültig freilegen. Die schweren Ketten des Panzers waren bereits weit vor seiner Ankunft zu hören. Ein stetig lauter werdendes, sehr beeindruckendes „knattern“ die Landstrasse herunter. Der Einsatz des Bergepanzers zieht sogar die Presse an. Ein Kamerateam vom NDR filmt den Einsatzablauf in allen Details. Noch am gleichen Tag, sollen die Szenen in der Tagesschau ausgestrahlt werden. Der Panzer bahnt sich seinen Weg durch die Baumstumpen.

Nach diesem Einsatz ist um 16 Uhr der Hunger wieder groß. Hier gibts ein paar Snacks im Schatten des Feuerwehrgerätehaus Gartow. In wenigen Stunden müssen wir unseren eigentlichen Aufgaben, der Deichwacht wieder nachgehen. Aufgeteilt in Gruppen und Schichten beginnt die erste Schicht um 18 Uhr, die letzte endet morgens um 7 Uhr.

Die erste Schicht hat inzwischen begonnen und für die Anderen bleibt genug Zeit, sich im Ort umzuschauen. Hier sieht man die letzten Überbleibsel des Hafens. Die Fließgeschwindigkeit des Wassers ist beeindruckend. Kinder der Anwohner schmeissen ihre Angelruten über die Hochwasserschutzmauern … Idylle macht sich breit. Auf dem Weg durch die Strassen sieht man immer wieder verlassene Häuser, deren Eingänge mit nur 5-6 Sandsäcken gesichert sind. Das würde im Falle eines Deichbruchs wohl auch nicht mehr ausreichen. Die Deichwacht vernimmt ihren Lauf. Unsere „Schichtgänger“ markieren die ganze Nacht mit Holzpfählen Schadensstellen am Deich, sodass die Kräfte vom THW schnell agieren können.

23 Uhr: im Dunkel der Nacht entstehen erste Horror-Meldungen: Deichbruch und zusammengestürzte Brücken. Kolonnen des THW sind unterwegs, Blaulicht erhellt die jetzt gesperrten Strassen. Kein Entkommen aus dem von uns überwachten Gebiet. Wir können unsere Wächter per PKW nicht mehr erreichen. Am Ende stellt sich dann heraus: Fehlalarmierung und großes Aufatmen. Es hat lediglich ein Wehr Leck geschlagen und ein paar umliegende Strassen waren zeitweise unter Wasser.

Am 23. August wurde die Wehr von einer Gruppe Berufsfeuerwehrleuten abgelöst. Die Hilfsbereitschaft in diesen Tagen und die sehr gute Zusammenarbeit aller Organisationen und zivilen Helfer war äußerst beeindruckend … die gesammelten Eindrücke übersteigen den Vorstellungen, die durch die Medien bei uns vor dem Einsatz entstanden sind. Gebiete – „unendliche“ Landschaften, die meterhoch unter Wasser stehen.

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